auszeit vom sinn

wieder einmal überlebe ich eine dieser speziellen nächte, in denen ich mich kurz vor morgengrauen in den sattel schwinge und auf den harten heimweg vom prenzelberg zurück nach treptow mache. ich starte nahe des arnswalder platzes und bin erleichtert, wenn sich nach dem ersten gefährlichen schlingern das gleichgewicht entgegen aller erwartungen doch noch einstellt. da es den ganzen weg bergab geht, freue ich mich auf eine entspannte fahrt und die frische luft. ich habe die hoffnung, dass sich bei gemäßigtem tempo bis zu meiner haustür der kopf entspannt geklärt hat, aber schon nach wenigen augenblicken rollt paule so schnell, dass das brausen des fahrtwindes in meinen ohren die geräusche der autos übertönt. aus bareingängen stolpern mir betrunkene touristen in den weg, gesprächsfetzen und fragmente von schrillem gelächter erreichen kurz mein gehör, während ich versuche, allen gefahren rechtzeitig auszuweichen und gleichzeitig rote ampeln mit wenigstens dem mindestmaß an persönlicher sicherheit zu überqueren.
ich trage in der regel keinen helm, abgesehen davon würde ich ihn in nächten wie diesen eh vergessen. ich bete für freie kurven und keine rutschigen stellen während wieder und wieder mein momentaner lieblingssong durch meinen kopf über meine lippen fließt.
am bersarinplatz lege ich mich tief in die kurve und trete ein wenig nach, damit ich die ampel an der karl-marx-allee noch bei grün erwische. die lichter rasen an mir vorbei und hoffe, hoffe, hoffe ein ganz klein wenig, dass kein autofahrer noch oder schon bei orange meinen weg kreuzt, denn wenn ich bei diesem tempo hart bremse, weiß ich nicht, ob ich das fahrrad in der spur halten kann.
meine augen tränen und mein mund ist trocken, denn ich singe lauthals, während ich über die kreuzung rase. ich habe genug schwung, um die warschauer brücke hinaufzurollen, am scheitelpunkt weiche ich ein paar weiteren betrunkenen aus und dann stehe ich in den pedalen, weit nach vorne gelehnt und genieße die letzte schussfahrt vor meinem heimatkiez – und dies ist der moment, wo ich mein glück wissentlich ausreize, der fahrtwind drückt die tränen in richtung schläfen bis in meine ohren, hindernisse werden zu langgezogenen objekten, ich versuche, den überblick zu behalten, aber genau jetzt fühle ich mich so frei, dass ich nur noch die augen schließen und laut vor freude schreien möchte. es macht keinen sinn, diese dummheit erklären zu wollen. entweder man versteht es – oder nicht. diejenigen, die es verstehen, werden immer weniger, denn natürlich besteht ein direkter zusammenhang zwischen absolutem leichtsinn und dem verlöschen einer weiteren brennenden seele.
nachdem ich die spree überquert habe, wird es schwieriger, den horden von touristen auszuweichen, denn  hier beginnt das aktuelle partyzentrum berlins. vorbei am watergate und dem magnet club, scharf links abgebogen an der schlesischen straße, in gemäßigtem tempo vorbei am lido, dem heinz minki und dem club der visionäre. die arena liegt geschützt hinter einem kleinen grünstreifen, ihre opfer springen eher selten in meinen weg, ich kann wieder beschleunigen. dann nach rechts in die bouchestraße, das ziel ist jetzt nah.

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